letzte Aktualisierung:
18.02.2015
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Max Maria von Weber, dem Sohn des bekannten deutschen Komponisten; Eisenbahnpionier, sächsischer Eisenbahndirektor, österreichischer Hofrat, preußischer Ministerialrat, außerdem Schriftsteller, geb. 25.04.1822, gest. 18.04.1881 verdanken wir folgende, heute leider fast vergessene Novelle aus der Zeit um 1862:

(Die alte Interpunktion wurde bei der Abschrift übernommen.)

Der Bergsturz

Wandern wir von dem Badeort Bad Schandau aus das rechte Elbufer stromaufwärts, so kommen wir nach ungefähr einer Stunde an eine enge Felsschlucht, die "Zum guten Biere" heißt. Links vom Eingang dieser Schlucht liegt ein mächtiger Steinbruch.

Postelwitzer Bruch, von der Kleinen Bastei aus, 2011

Ansicht von linker Elbseite 2011 (Kl. Bastei)

Dort war schon fünf jahre lang an dem Hohlmachen einer besonders großen Wand, die in einer Länge von hundertfünfzig und einer Höhe von  etwa vierzig Ellen (Anm.: 1 sächs. Elle = 56,64cm) fallen sollte, gearbeitet worden. Die Hohlung war schon fünfundzwanzig bis siebenundzwanzig Ellen tief ausgemeißelt, aber keinerlei Anzeichen deuteten auf den baldigen Fall der Wand hin. Nur ein Teil der unteren Bank war niedergebrochen, wodurch die Hohlung an einigen Stellen über mannshoch wurde. Dieser Raum war ungefähr acht Schritt im Geviert groß und ein ganz behaglicher Winkel für die Steinbrecher; wie ein Keller, kühl im Sommer, lauwarm im Winter.
Lustig knisterte hier am Morgen des 25. Januar 1862 ein Feuerchen, an dem sich ein vierzehnjähriger Knabe, der Sohn eines der vierundzwanzig Steinbrecher, den Kaffee zum zweiten Frühstücke wärmte. Die Männer ließen sich nicht zweimal rufen, als aus weittönendem Signalhorn das Frühstückszeichen gegeben wurde, und das lang nachplaudernde Echo hatte den letzten halben Takt noch nicht ausgesungen, als alle um das Feuerchen saßen und mit warmem Trank und Brot und Speck die Kälte aus den steifgefrorenen Gliedern zu treiben suchten.
Die karg zugemessene halbe Stunde des Frühstücks wird vom Arbeiter ausgenutzt. Er plaudert gern. Der alte Linke, der hohlwangige, graue, hustende Achtundsechzigjährige, spricht vom Ausbruch des Vesuv und vom Lissabonner Erdbeben. Man lauscht und hat die Zeit vergessen. Draußen tritt der Signalist vor die im Sonnenschein liegende Felswand und richtet das Horn nach der leuchtenden Fläche, um es recht lustig klingen zu lassen. Da schwindelt ihm. Es bewegt sich alles, soweit er sieht. Die Bäume droben nicken. Die Felsen neigen sich. "Hilf, großer Gott! Die Wand stürzt!" Weit von sich wirft er das Horn. Die bleiernen Füße wollen nicht, wie sein Hirn  - ein böser Traum - und hinter ihm ist Donnern, Krachen und Knirschen. An ihm vorüber, über ihn weg setzen , wie wilde Eber und Hirsche, hundert Zentner schwere Blöcke brüllend in die Tiefe. Wie riesige pfeifende Fledermäuse umschwirrt ihn Gestein. Sand bedeckt und blendet ihn. Er stürzt und glaubt sich verloren. Da ist es still um ihn - grabesstill. Er wagt, das Haupt zu erheben. Da steht die Felswand - weit zurück - und vor ihm liegt, turmhoch aufgeschüttet, das furchtbare Felsgrab im hellen Sonnenglanz.
Drinnen aber hatte, gerade als der Greis  vom Erdbeben sprache, ein dumpfschwerer, markerschütternder Knall im Felsen die Sitzenden emporgejagt. Da dröhnt ein zweiter, und mächtiges Geprassel, wie von losen Gesteinsmassen, die aus großen Höhen fallen, folgt. "Ein Erdbeben!" schreien einige Stimmen. - "Helf uns Gott, ja!" ruft der alte Linke, "aber von oben!" - und im selben Augenblick zittert der Fels um sie her in den Grundfesten. Die Stehenden fühlen den Druck der sinkenden Decke auf den Köpfen. Grabfinster wird's im Nu und um sie kracht und donnert und zittert es. - Dann gleich ist's totenstill. Nur dann und wann klingt noch fern draußen - außerhalb des Berges - der dröhnende Sturz eines Felsblocks, ein leises Schieben im Gestein. Sie sind lebendig begraben. - Sie schweigen alle. - dann beginnen sie, mit leiser Stimme, wie um die Grabesstille nicht zu stören, zu rufen: "Petters! Heckel! Kühn! Linke! Löser! - Hier! Hier!" tönt's bei jedem Namensruf aus der dumpfen Finsternis, vierundzwanzigmal. Alle sind da, alle leben. - Des alten Linke Stimme, die alle kennen, wird zuerst laut: "Vertraut Gott, Kinder! Wer weiß, ob es so schlimm ist, wie es aussieht. Richter (der wackere Bruchmeister) lebt. Wir werden nicht im Stiche gelassen werden.  Vor allem müssen wir sehen, wie das Gestein um uns liegt und ob wir uns nicht selbst durcharbeiten können. Wer weiß, ob die Masse, die uns deckt, groß ist!" "Ist kein Kien da, um Lichtspäne zu machen?" - "Die Bank ist kienig!" - Späne werden geschlissen und eine Minute darauf erhellt die rot aufflackernde Flamme die niedrige Höhle, zu deren Eingang das entsetzliche Schuttgeröll hereingequollen ist, und die bleichen, ängstlichen Gesichter. Man leuchtet umher. Doch da ist alles fest geschlossen, wie vermauert. Eine Platte, von der sie wissen, daß sie mindestens dreizehn Ellen dick ist, deckt sie von oben, und das ist ihr schauerliches Glück. Geschlossen ist die Höhle felsentief gegen Leben und Tod von außen. Aber da steht ein Krug mit Wasser, da sind höchstens noch zehn Pfund Brot, da sind noch einige Schnitte Wurst und Speck - der Tod braucht nicht von draußen zu kommen, der ist sicher genug mit ihnen eingeschlossen, wenn es Gott nicht gefällt, zu retten und die Menschen nicht retten können! -
Draußen aber war der Donner des Sturzes weit und breit gehört worden. Aus allen nahegelegenen Brüchen hatte man gesehen, daß da Arbeiter im Fröde-Pieschelchen Bruche verschüttet waren, und die Schreckenspost lief im Nu auf Wegen, Schienen und Drähten in die Heimat der Verschütteten, zu den Behörden, nach den Brüchen, wo die wackeren Arbeitsgenossen der Verunglückten tätig waren.
Und diese eilten schnellsten Laufes herbei; ohne Rücksicht auf die verlorenen Löhne, ohne es zu wissen, wer ihnen Nahrung und Obdach gewähren würde während der schweren Arbeitstage - nur um zu retten.
Die Nacht unterbrach die Arbeit nicht. Bänke wurden durchsetzt, Leitern in Klüfte gesenkt; immer neue nach unten gehende Spalten zeigten sich, die, schnell erweitert, den Weg förderten. Mehr als einmal trieb es auch die Allermutigsten aus dem furchtbaren Schlote, wenn das Gestein, das sie dicht umschloß, rückte und knirschte. Aber kaum schwieg der grauenhafte Ton, so waren sie in der Tiefe wieder an der Arbeit. - Ein Sprachrohr war herbeigeschafft worden, um Menschenlaute hier in das Grab herabdringen zu lassen. Als sich beim Wegräumen der Schuttmasse ein tief hinabgehender Spalt zeigte, setzte es Richter an den Mund, und hinab dröhnt's: "Lebt ihr?" Und sie hören sie drunten, die lebendig Begrabenen, die Menschenstimme von draußen, und schreien wie aus einem Munde: "Ja, wir leben alle!" Aber das Geräusch da draußen verschlingt den leisen Ton aus der Tiefe. - Unablässig vierzig Stunden hatten die schlichten, tapferen, wackeren Retter gewirkt, da erreichte der Schacht die sechzehn Ellen dicke, massive Platte, die das Grab der Verschütteten deckte, und der Schacht traf genau die Kante der ungeheueren Steinmasse, so daß man sie nicht zu durchbrechen brauchte, sondern in einer Kluft leicht an ihrer Seite hinabgelangte.
Plötzlich hörten die Eingeschlossenen die Arbeitstöne nicht mehr über sich, sondern deutlich stromabwärts, fast in gleicher Höhe mit ihrer Höhle, in genau zu bestimmender Richtung. "Jetzt drauf und dran, Freunde!" rief Linke, "kaum zwanzig Ellen von uns, da drüben müssen sie schon sein! Die letzten Kräfte  zusammengenom- men! Wir wollen ihnen entgegen." Und der Knabe schleißt Späne und hält sie in Brand, und unter der Felsplatte hin wühlen die Leute den Schutt weg, den draußen Arbeitenden entgegen. Jetzt leitet auch die Platte den Ton, und auf den Ruf: "Lebt ihr?" dringt die Menschenstimme aus dem  Grabe: "Alle vierundzwanzig!" - Leider verstand der wackere Bruchmeister "vierzehn", und die Kunde, daß nur vierzehn lebten, lief den Schacht empor und hinaus unter Weiber und Kinder, und den erschütterten Gemütern war es gerade, als könnte Vater, Gatte, Bruder nicht mehr unter den Lebenden sein.

Robert Sterl: Steinbrecher (1912, Ausschnitt), Inhalt gemeinfrei
Robert Sterl (1867-1932): Steinbrecher (1912)

Nicht lange sollte die Ungewißheit dauern. Da drunten dröhnte nun von außen und innen Stoß um Stoß, Schlag um Schlag. Das Blut quoll den wackeren Rettern unter den Nägeln hervor. Sie arbeiteten, um schneller vorwärtszukommen, einen so niedrigen Stollen aus, daß sie auf dem Bauche liegen mußten; einer schob dem anderen das Losgerissene zu, daß sie sich fast selbst den Ausgang vermauert hätten. Jetzt nur einen Augenblick Pause, um Atem zu schöpfen. Richter fragt wieder: "Wie steht's drinnen?" - "Wir sind alle vierundzwanzig wohl und gesund!" Da schreien die Leute vor Jubel auf, und der Schrei hallt hinaus und kündet das hohe Wunder. Eine Felsenlast von über zweihunderttausend Zentnern stürzt über vierundzwanzug Männer herab, begräbt sie sechsundfünfzig Stunden lang lebendig, und keinem wird ein Haar gekrümmt!
Und drunten klang wieder Stoß auf Stoß. Jetzt rollt Schutt und Sand und - eine Menschenhand faßt die andere. "Hier sind sie!" ruft der wackere Winkler, indem er des verschütteten Petters Hände faßt. "Seile herunter!" ruft Richter, und eine Minute darauf kniet der erste Gerettete, zusammengebrochen, unter Gottes Himmel, den er nie wieder zu sehen gefürchtet hatte. Ihm folgte der alte Linke und so alle vierundzwanzig, dem Alter nach. Mit anspruchslosem Heldenmute rangen schlichte Arbeiter fünfzig Stunden lang unablässig mit Todesgefahren, weil Mitmenschen in Gefahr waren. Sie wußten nicht, wer für die Ihren sorgen würde,wenn sie in diesem Kampfe unterliegen sollten, ja, nicht einmal, wo sie das tägliche Brot hernehmen würden, während sie retteten. Aber sie wußten, was sie zu tun hatten, und - taten es! (Beitrag gekürzt)

Deutsches Lesebuch für Volksschulen, Dürr'sche Verlagsbuchhandlung Leipzig, 1937, Seite 96ff.

Das Hohlmachen von Wänden war neben dem - heute gebräuchlichen Abbau vom Stock - damals gängige Praxis und keineswegs so riskant, wie heute glauben gemacht wird. Natürlich wirkten bei dieser Technologie Fehler oder unglückliche Zufälle stärker, als bei  "ungefährlicheren" Methoden. Aber es wurde gewissenhaft und systematisch gearbeitet. Die Arbeiter hatten jahrelange Erfahrung und hingen natürlich an ihrem Leben. Bevor eine Wand "hohlgemacht" werden durfte, mußte eine behördliche Genehmigung eingeholt werden.
Sehr eindrucksvoll schildert Bruno Barthel (27.02.1885 - 23.02.1956) das Vorgehen in "Von den Stein- brechern im Elbsandsteingebirge": "Die Länge und Tiefe (der hohlzumachenden Wand) werden von den sich in der Wand befindlichen Vertikallosen bestimmt, wie die senkrechten Kluftspalten bezeichnet werden. ... Die Tiefe der Unterhöhlung wird durch das hintere Vertikallos bestimmt. ... Die in der Felswand waagerecht verlaufenden Kluftspalten nennt der Steinbrecher "Boden", und das Gestein zwischen zwei Boden bezeichnet er als Bank." Die eigentliche Arbeit des Hohlmachens nahm Wochen, ja oft ein halbes Jahr in Anspruch. Der "Hohlmacher" war ein erfahrener, verläßlicher Steinbrecher. Ihm zur Seite standen die "Räumer", welche als Hilfsarbeiter für den Abtransport von Werksteinen oder Abfallstücken verantwortlich waren. Aus ihren Reihen suchte der Hohlmacher sich geeignete "Bohrschläger", die tagein, tagaus mit der "Häge" - einem ca. 2,5-3kg schweren Hammer mit Längsfinne - auf den von ihm geführten Schlagbohrer einschlagen mußten. Nachdem 10-12 ausgeschlagene Löcher fertig sind, wird ein Hohlraum freigesprengt und der lose Schutt als "Bettung" aufgeschichtet. Anschließend wird weiter gebohrt.
"Sobald es der durch Sprengung unterhöhlte Raum zuläßt, müssen Stützen, Steifen gesetzt werden. ... Wenn heute (1950er) eine Wand hohlgemacht wird, werden starke Steinsäulen daruntergesetzt, oder es werden an geeigneten Stellen Natursäulen stehengelassen. ... Der Hohlraum unter der Wand muß hinten dieselbe Höhe haben, wie vorn, die Hohlmacher müssen bequem darunter arbeiten und gehen können. Damit sich die Wand nicht "plattsetzen" kann, werden kurz vor der "Wandfälle" in den hinteren Teil Horzel aufgeschichtet, auf die sich der hintere Teil der Wand setzen kann, so daß sie leichter kippen kann." Beängstigend klingt es, wenn während des Arbeitsfortschrittes die Wand beginnt, sich zu setzen. Knirschen, Knacken und kurze Schläge zeugen von der Bewegung, die Steinbrecher sagen: "die Wand redet".  Nun werden in die Spalten der gesetzten Stützen Scherben eingeschoben, deren Knacken weitere Setzungen deutlich macht. Täglich kontrolliert der Hohlmacher vor Arbeitsbeginn die Wand und die Weite der Lose. Wenn der Raum unter der Wand zwischen den Losen freigelegt ist, wird der Gewerbeaufsichtsbeamte, der für den Steinbruch zuständig ist, gerufen, dieser muß die Fällung freigeben. Vorher müssen die Räumer aus dem Schutt eine Bettung gebaut haben, das ist ein Horzelbett mit ca. 1 - 1,5m Höhe, so lang und breit, wie die Wand hoch mal breit ist, mit Laufgassen für die Sprengmannschaft. Denn würde die Wand auf den nackten Boden schlagen, bliebe nur ein "Scherbel- haufen".
In Vorbereitung auf die Wandfällung wurden zuletzt die Stützen mit Sprenglöchern versehen. Nachdem der Steinbruch im Umkreis abgesperrt wurde, werden diese besetzt, die Sprengmannschaft wird eingeteilt, der Verantwortliche gibt einen Warnton ab. Jeder hat die ihm zugeteilten Zündschnüre jetzt auf Kommando in festgelegter Reihenfolge zu zünden und dann den Rückzug anzutreten. Der Verantwortliche gibt jetzt zwei Warntöne ab. Die Schüsse lösen sich nacheinander, berstend fällt die Wand. Drei Horntöne tun kund, die Sprengung ist beendet. Nun wird die Wand begutachtet, ob sie gute, verwertbare Stücke abgibt, oder ob sie ein "Trümmerhaufen" ist. Gemeinschaftlich ging es dann in die "Frühstücksbude" zum "Wandbier", das nach dem Brauch der Steinbruchbesitzer ausgibt.
An diesem Tage arbeitete wohl keiner mehr. Denn die "Pappenheimer" blieben sitzen, bis der letzte Tropfen alle war...

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Literaturtip
Steinbruchführungen Andreas Bartsch